Fietselfstedentocht 2019

„Luctor et Emergo“ – ich kämpfe und gewinne – lese ich auf einem Plakat, dass sich eine Familie in den Garten gestellt hat. Um 5.56 Uhr am Pfingstmontag geht es zum vierten Mal auf die Fietselfstedentocht, die Fahrrad-Elf-Städte-Tour, die alle elf Städte des niederländischen Friesland miteinander verbindet. Sie verbindet auch 15.000 Radfahrende zu einer großen Gemeinde, die allesamt viel Spaß an der Tour haben. Es wird – zumindest für mich – jedoch die härteste Tour, die ich jemals gefahren bin.

Pünktlich mit dem Zeitpunkt, in dem ich fertig bin um loszufahren, fängt es an zu regnen. Es ist nur ein bisschen. „Mückenpiss“ hätte Opa gesagt, der heute 108 Jahre alt geworden wäre. Würde er noch leben, hätte er zu den 235 km, die ich vor mir habe wohl „meine Fresse!“ gesagt – und wäre von Oma tadelnd angesehen worden…

Ich fahre los nach Workum, um die anderen der Truppe abzuholen. Kurz vor Workum fällt mir auf, dass parallel zu mir Radfahrende in umgekehrter Richtung unterwegs sind. Es gibt also zwei Wege. Also lege ich, der Regen ist stärker geworden, die volle Regenmontur an. Rainlegs, Jacke und die Schuhüberzieher. Wenden und ab nach Bolsward, wo die „Tocht“ startet. Wenig später stehe ich an der Texaco-Tankstelle, wo wir uns immer treffen. Christoph trudelt als erster nach mir ein, dann kommt der Rest aus Workum. Jennifer und Ralf fehlen noch – es ist wohl noch was dazwischen gekommen. Dann kommt auch der Gino, der bei mir wegen seiner sehr schnellen Fahrweise nur Gino d’Italia heißt und mir später auch eine SMS mit dieser Signatur schreibt. Auf geht’s. Wir sind etwas spät dran, wursteln uns nach den Aufrufen der Veranstalter für Gruppe 8 nach vorne. Christoph, Gino und ich schaffen es noch – der Rest ist verschollen. Das fängt ja früh an. Am Start löst sich unser Pulk; eigentlich starten ja alle 8 Min 650 Leute – jetzt ist es schon etwas unübersichtlich. Wir kommen gut in den Tritt, brauchen aber auch die Bewegung, denn es regnet schon ziemlich stark und die Kälte wird durch den Windchill verstärkt. Wir brauchen Bewegung, um warm zu werden. Immer wieder überholen wir Gruppen und werden natürlich auch überholt. Die erste Station ist schnell erreicht. Noch 216 km steht auf unseren Stempelkarten. An jeder Stempelstation holt man sich einen Abdruck und kann dann lesen, wie weit es noch ist. „216“ ist jetzt keine große Motivation, auch nicht die 208 der nächsten Stelle. In Holwerd stehen nur noch 170 auf dem Zettel. Gino haben wir inzwischen verloren – er hat sich wohl wieder einer Gruppe angeschlossen. Wir kauen ein bisschen Studentenfutter. Kurios, dass ich das als Dozent mit meinem Studenten mache, der ja als einziger von uns so etwas essen darf 😉

Dann geht es weiter, weil es immer noch kalt und nass ist. Kurz nach Holwerd hört der Regen auf und etwas später erscheint ein bisher unbekanntes Licht am Himmel, dass die Welt um uns herum auf bis zu 19° C erwärmen soll. Der Wind ist hart und schlägt einem nach einer Kurve schon einmal vor die Brust, als wäre man vor eine Wand gefahren. Wir müssen vorsichtig sein beim Überholen, denn wenn einer in unseren Windschatten gerät, muss er aufpassen, um nicht ins Trudeln zu geraten. Bei ca. 60 km Strecke – inklusive der paar km vor dem Start – bezweifle ich, dass ich es heute schaffen werde. Der um 25 Jahre und 30 kg leichtere Christoph zieht am Tempo – was er mir hinterher „vorwerfen“ wird. Wir fahren also zügig weiter. Eigentlich mag ich nicht unter 25 km/h fahren. Wir werden es später jedoch sehr schwer haben, überhaupt noch eine „2“ an erster Stelle zu haben. Ein Gedanke an den Deich am Ijsselmeer ist demoralisierend. Irgendwann muss doch auch der Rückenwind kommen. Ja, irgendwann ist er da. Die „3“ steht kontinuierlich an erster Stelle, manchmal auch die „4“ oder auch mal kurz die „5“. Das ist aber bei so vielen Leuten auf der Strecke nur selten möglich und bei der nächsten Gruppe, die man einholt, muss man es wieder langsamer angehen lassen. Der Wind lässt nach – natürlich, er kommt ja von hinten! Aber getreu dem Motto, „Wer Rückenwind hat, fährt zu langsam!“ geben wir Gas und lassen die Kilometer unter uns durchrauschen. Zwischendurch stempeln, noch 158, noch 135 usw. In Leeuwaarde stellen wir uns kurz an die Seite, essen einen Riegel und trinken etwas, schauen uns an und ein kurzes Nicken signalisiert, es geht weiter. Bis Bolsward, dem Startpunkt und auch dem Ziel, an dem wir aber noch einmal vorbeifahren, weil die Strecke ähnlich einer „8“ verläuft läuft es prima. Dann geht es grob gesagt nach links und wir stehen wieder im Wind. Luctor et emergo – im Moment kämpfen wir nur und sind uns noch nicht sicher, ob der Wind oder wir gewinnen werden. Noch 97, noch 87, noch 61. Jeder Kilometer wird hart erkämpft und wir schauen in viele erschöpfte Gesichter. Manchmal hört man einen tiefen Seufzer, wenn man an einem Radler vorbeifährt. Dann kommt der Deich. Er kündet sich mit einer Steigung an, die Christoph zur „Bergwertung“ benennt. Erst geht es noch, aber dann schwingt Thor seinen Hammer. Ich habe noch nie Windräder mit so schneller Propellerbewegung gesehen. Zeit zum Staunen ob dieses Tempo bleibt nicht. Kampf pur treibt die Pedale nach unten und ich spüre Schmerzen im Fußballen. Bisher hatte ich nur davon gehört, dass es so etwas gibt. Jetzt weiß ich, was Kathi aus dem Film „Brevet“ damit meinte. Leichtes Brennen, dass erst wieder nachlässt, als ich die nächste Stempelstelle erreiche. Stavoren – noch 31 km. Bis Hindelopen geht es dann – noch 20 km – aber dann drehen wir voll in den Wind und Christoph habe ich auch verloren. Nur der Erschöpfung können wir später zuschreiben, dass wir mehrfach unerkannt aneinander vorbeigelaufen sein müssen. Ich sitze auf und beiße die Zähne zusammen, um die „2“ vorne zu halten. Ich will mich von dem Wind nicht bezwingen lassen. Manchmal gewinnt er die Oberhand. Mein Adrenalin lässt den Wind jedoch an die zweite Stelle fallen und die „2“ steht konstant, als ich aus Workum, der letzten Station herausrolle. Ein Mann fährt neben mir und liest von meinem Trikot: „de Fryske klassieker“ (der friesische Klassiker). Verschmitzt fragt er: „Ben jij dat?“ (Bist du das?). Nee, das ist die Tour, die wir hier gerade fahren. Ich weiß nicht, ob er es wirklich ernst gemeint hat oder mich hochnehmen wollte. In der Ausfahrt aus Workum erwische ich drei Zettel der Kinder am Straßenrand. Anfangs möchten sie nur abgeklatscht werden. Zum Ende der Tour halten sie kleine Zettel in den Händen mit „Gib Gas“, „Du schaffst es“ oder ähnlichen Parolen. Niedlich. La Ola-Wellen werden häufiger. Noch 12 km. Dann sehe ich das niedliche Fachwerkhaus am Kanal, an dem ich morgens schon vorbei gefahren bin. Ich überhole noch ein paar Radlergruppen. Leider kann ich ja nicht Windschattenfahren und halte immer zu großen Abstand. Daher stehe ich immer im Wind. Vielleicht sollte ich das mal trainieren, denn dabei soll man ca. 30% Energie einsparen können. Ein Blick noch auf die martialisch sich drehenden Rotoren, dann sehe ich die Autobahnbrücke. Drunter her geradelt taucht die Stadt Bolsward wieder auf. Es geht noch einmal um den Pudding herum und dann sehe ich die Einfallstraße. Hunderte von Leuten stehen hinter den Gattern, freuen sich mit jedem, der reinkommt, recken die Daumen hoch. Papas werden von der Familie empfangen und müssen die Kleinen übers Gatter heben. Es gibt Küsschen und Blumen. Dann kommen die Fernsehkameras – ich habe Glück und kann vorbeirauschen. Einer Gruppe Herren vertraue ich mein Rad an und hole meine Medaille. Dafür muss ich später noch ein Foto der Herrenrunde machen. Sie haben alle schon ein Bier in der Hand – das würde mich geradezu umhauen.

Wenig später höre ich Christoph meinen Namen rufen. Schön, dass wir uns noch wiedergefunden haben. Er holt seine Medaille und wir trennen uns kurz danach. Das schönste, das passiert, als ich am Auto bin, ist das Händewaschen. Schweiß, Isodrink, Dreck und Co. haben das Lenkerband zum Klebeband werden lassen. Kanister raus, Seife raus und ausgiebig waschen. Ich freue mich auf die Dusche.

Meine kleine Japanerin, mein jetzt 31 Jahre altes Nishiki Olympic 12 mit traumhaft schönem Kuwahara-Rahmen hat gelitten. Dreck überall, die Kette war ölfrei gewaschen. Zum Glück hatte ich einen Service-Wagen erwischt und die haben der kleinen ein paar Tropfen Öl auf die Kette gegönnt. Für lau – aber wenigstens ein kleines Trinkgeld für den Einsatz sollte es sein. Die Pedale knatschen, die Kette ist mit Sicherheit gelängt und es wird eine neue geben. Die Schaltung werde ich tiefenreinigen müssen und dann komplett neu ölen – ich hoffe, dass ich alles wieder hinbekomme. Eine Tour, die ich der alten Dame eigentlich nicht mehr zumute – sie ist mein Schönwetterrad für Genusstouren – heute musste sie leiden.

Die Tocht ist vorbei. Ca. 4-5 Stunden schneller als bei den bisherigen Touren und das trotz des Windes lassen mich ein wenig stolz sein.

Außerdem hoffe ich jetzt, dass wieder viele Leute meinen Spendenmarathon mitmachen, denn ich bin wieder für die Fachberatungsstelle des Kinderschutzbundes gefahren. Hier hilft eine Therapeutin sexuell misshandelten Kindern in ihrer Not. Traumabewältigung, Aufarbeitung, Begleitung zu Polizei und Gericht – eine harte Arbeit mit viel Leid. Aber die Kinder sind es wert, dass ihnen geholfen wird. Wer spenden mag, kann das gerne tun. Bis 200 EUR sind die Spenden ohne Quittung absetzbar, wer eine Spendenquittung haben möchte, schreibe seinen Namen und komplette Adresse und die Bezeichnung „Tocht“ oder „Kilometer für Kinder“ in den Verwendungszweck. Ich danke allen Spendern herzlich!

Kinderschutzbund Duisburg – Volksbank Rhein Ruhr
IBAN: DE84 3506 0386 1256 6300 00