Radeln in London

Ganz kurz habe ich mich gefragt, ob ich lebensmüde oder doch einfach nur durch den Wind bin. Denn ich war vom Hotel, an dem ich Frau und Tochter abgesetzt hatte, nun alleine unterwegs zum Parkhaus. Das Fahren mit dem Auto im Linksverkehr macht mir nicht viel aus. Ich habe sicher schon fünfstellige Kilometerleistungen auf der Insel zurück gelegt und man gewöhnt sich so schnell daran, dass es einem bald gar nicht mehr auffällt, dass man auf dem Kontinent auf der falschen Seite fährt.

Mit dem Rad war ich aber nur ganz wenig und nur in Oxford und in den Cotswolds unterwegs. Das ist ein „Kindergeburtstag“ gegen den Verkehr am Sitz der englischen Königin. Und jetzt bringe ich das Auto weg, nehme das Rad vom Heckträger, schnalle die zwei Taschen an den Gepäckträger und den Rucksack auf den Rücken und will durch diesen Verkehr? – Ja, genau das will ich. Ich habe auch ein bisschen Bedenken, aber ich habe doch so oft gehört und gelesen, dass das hier alles ganz entspannt sein soll…

Im Parkhaus mache ich das Rad fertig und wage mich auf die vierspurige Straße (natürlich in eine Richtung!) und radle los. Das ist auch einfach, denn es ist eine vierspurige Einbahnstraße und es ist nichts los. Dann geht es weiter durch die Arme-Leute-Gegend, wo in manchen Vorgärten nur EIN Rolls-Royce oder Bentley stehen und nicht mehrere. Mir kommen fast die Tränen. Der Radstreifen ist mit Laub gut bedeckt, also fahre ich an dessen äußerstem Rand. Zu gut ist mir noch der Sturz aus dem letzten Jahr in Erinnerung geblieben. Dann geht es um den Regent’s Park und auf die Ringstraße. Hier ist es voll. Sehr voll. Wo keine Zeitung mehr durch passt, kommen Fahrradkuriere und natürlich auch die Kuriere mit den Mopeds noch durch – und die Red Buses! Die Fahrerinnen und Fahrer müssen über magische Kräfte und Nerven verfügen, die die Stärke der Seile der maroden A40-Brücke haben. Ich darf mir mit den Taxen die Busspuren teilen – und mit den Bussen natürlich. Es gibt (fast) keine Radwege, die nicht auf der Fahrbahn sind. Daher bin ich für alle Verkehrsteilnehmer immer sichtbar und präsent. Hier ist man sogar nicht im Weg, sondern Teil des Verkehrs. Autos halten für einen, die Fahrer lassen einen auf die Fahrspur – so als wäre man einem Autofahrer gleichwertig. Das kenne ich von zu Hause nicht. Zügig ziehe ich meine Bahn durch die Hauptstadt, die schon zwei Empire und das große Feuer im Mittelalter überlebt hat und die immer wieder mit Neuem aufwartet. Die Bahnhöfe King’s Cross und St. Pancras liegen direkt nebeneinander und an meiner Strecke. Hier schieben Harry Potter und seine Kollegen die Wagen durch die Mauer am Gleis 9 3/4. Ich radle gemütlich, aber zügig durch den Verkehr und muss nur an den Ampelkreuzungen bei Rotlicht halten. Da darf ich als Radler nach ganz vorne und stehe vor den Autos. Keiner kann mich übersehen. Das ist ein tolles Gefühl, denn es verschafft einem eine große Sicherheit. Schnell füllen sich die „Bike-shelter“ an den Ampeln mit Radlerkolleginnen und -kollegen. Dann geht es weiter. Wenn ein Bus auf der Busspur an der Haltestelle steht, darf man als Radler vorbei – nur das Handzeichen muss man geben, dann wird einem der Vorrang gewährt. Traumhaft.

Dann bin ich plötzlich schon am Hotel und habe nicht ein einziges Mal das Gefühl von Unsicherheit gehabt oder bin abgedrängt worden – naja, die Taxen sind manchmal schon recht kuschelig an mir vorbei gefahren, aber auch das war nicht wirklich mit Unsicherheit oder einem mulmigen Gefühl verbunden.

Radfahren in London! – Warum hatte ich davor eigentlich Bedenken? Das ist so schön und einfach.

 

By the way: Es gibt hier sogar Superhighways und Quiet-Routes – ganz nach Belieben. Beides ist toll und für den jeweiligen Bedarf genau das Richtige. Wenn es nach mir ginge, müssten alle deutschen Stadtplaner mal eine Woche durch London radeln…