F11ST-2017

 Ich fahre aber nicht allein. Also nicht allein mit 14.999 anderen Teilnehmern, meine ich jetzt. Vielmehr haben wir uns mit einer kleinen Truppe zusammengefunden. Mit sieben Leuten sind wir am Start und tapsen gemütlich durch den Ort Bolsward. Tausende von Radlern sind vor, hinter und neben uns. In den Fenstern der Häuser, die die Straßen säumen, sitzen Zuschauer und grüßen immer wieder den ein oder anderen Teilnehmer. Alle sind ausgelassen und freuen sich. Es herrscht eine unglaublich gute Stimmung. Die Radler sind nervös. Was wird die Tocht (Tour) bringen? Komme ich durch? Wie stark wird der Wind? Hält mein Rad? Habe ich nichts vergessen? - Diese Sorgen treiben einem um.

Der Bürgermeister begrüßt die Radlergemeinde vor dem Rathaus - ich winke ihm zu. Er winkt freundlich zurück und wünscht "success". Wie nett von ihm. Das hören wir aber immer wieder. Denn wir müssen erst zu einer Startstelle. Dort wird unsere "Laufkarte" erstmals gestempelt und dann müssen wir 14 weitere Stempel sammeln. An 14 Stationen, an denen es immer wieder zu Wartezeiten kommt. Es geht sehr gesittet zu. Alle sind nett. Wie schön das doch ist.

Dann kommen die ersten Kurbelumdrehungen. Es geht noch sehr langsam voran - der Tross muss sich erst einmal auflösen. Aber nach ein paar hundert Metern läuft es rund. Wir sind guter Dinge und freuen uns auf den Tag. Wir haben ein bisschen Sorgen wegen des Windes. 4 Bft. sind angesagt - das ist nicht sehr viel - aber auf dem Rad auch nicht wenig. Zumal nicht bei 120 km, auf denen wir den Wind von vorne haben werden. Wir ahnen noch nicht, dass sich der Wind drehen wird...

Das Tempo pendelt sich bei guten 30 km/h ein. Für meine kleine Japanerin - meinen Stahlrenner aus dem Jahr 1988 - ist das ein Wohlfühltempo. Sie mag es gerne auch mal, den Asphalt noch schneller unter sich weg rollen zu haben, aber auf längeren Strecken mag sie das Tempo. Ich auch. Dabei kommt man schnell in den runden Tritt. So nennt man die ideale Kraftausnutzung beim Kurbeln, wenn man an der oberen Pedalposition die Fußspitze nach oben stehen lässt, um sie mit der Abwärtsbewegung des Beins nach unten zu drücken und bei der Aufwärtsbewegung des Beins das Pedal in umgekehrter Weise wieder hochzieht. Natürlich geht das nur mit einer festen Verbindung zwischen Schuh und Pedal. Diese wird durch "Clickies" oder "Cleats" hergestellt - also Bindungen, die denen von Skiern nicht unähnlich sind. Es fährt hier fast keiner ohne solche Klickies. Wir haben sogar einen jungen Mann in Holzklompen mit Clickies gesehen - unglaublich!

Aber wo wir schon mal dabei sind: Einige Friesen sind in die Friesische Flagge gehüllt, die mit ihren vielen roten Herzen doch etwas sehr Liebenswürdiges hat. Eine Vielzahl von Leuten fährt mit Elfstedentocht-Trikots - schade, dass ich nicht wusste, dass es so etwas gibt. Es gibt Leute mit bunten Lamettahaaren, Maler mit einer Farbrolle, die auf dem Helm klebt, eine Frau mit einer Radhose in Lederhosenlook und dazu passendem Trikot mit Latz und kariertem "Hemd". Es ist genial, wie viel Freude hier allenthalben zum Ausdruck gebracht wird. Aber wir sehen auch ein Brautpar. Sie hat über der Radhose ein weißes Brautkleid und einen Schleier auf dem Helm. Er fährt auf einem Brompton - einem Faltrad! Sie werden sich am Ziel küssen - das darf ich hier schon verraten. Wie süß!

Apropos Rad: Wenn man denkt, dass man eine solche Tour nur mit ausgefeilten Superrädern fahren kann, wird man ständig eines Besseren belehrt: Leihtandems aus der Hoge Veluwe und von Ameland sieht man ebenso, wie Räder mit Rost statt Farbe - auch auf der Kette - einer "acht", mit der ich keinen Meter mehr fahren würde, uralte Gazellen, aber auch ein Fatbike haben wir gesehen. Aber natürlich gibt es auch das Gegenteil: Die Rahmen der neuen (und älteren) Rädern werden von den wohlkingendsten Namen der Hautevolee der Rahmenhersteller geziert. Pinarellos haben Campagnolo-Antriebe und kein Shimano. Cinelli-Lenker dürfen sein. In Italien bleibt man unter sich. Begriffe wie "Ultegra" und "105" sind schon fast Standard - in die unteren Schubladen greifen offenbar nur sehr wenige der Enthusiasten hier.

Wie viele "arme" Leute sich doch nur Räder aus "Plaste" leisten können. Carbonrenner überall. Einige davon sicher im fünfstelligen Anschaffungspreis-Bereich. Aber auch Titanrahmen fehlen nicht. Es ist alles da, was der Markt so hergibt.

Eine ältere Dame fährt einen außergewöhnlichen gemufften Stahlrahmen mit gebogenem Oberrohr und metallisch schimmerndem Lack. Ich lobe Sie für ihr wunderhübsches Rad. 32 Jahre alt sei es. Natürlich habe sie auch noch ein neues Rennrad, aber für die Tocht kommt natürlich nur dieses Rad in Frage - sie muss es in Ehre halten. Gut so. Ein kurzes Gespräch über meine kleine Japanerin folgt - der Frau gefällt sie auch. Stolz gebe ich Gas und suche wieder "mein" Tempo.

Wo wir gerade bei der älteren Dame waren: Es gibt hier einige - und zwar nicht wenige - Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die den 70. Geburtstag sicher hinter sich gelassen haben. Wir sehen Beinprothesen auf einem (fast) normalen Rad, Ohnbeiner im Liegerad mit Handkurbeln. Es ist unglaublich, welche Leistungen diese Menschen hier vollbringen. Es ist doch wunderschön, immer wieder mitzubekommen, dass alle durch das Hobby vereint sind. Alter, Aussehen, Behinderung, Herkunft spielen hier offenbar keine Rolle. Warum ist das nicht überall so?

Anfangs rollt es sich gut. Der Wind hilft ein wenig von hinten nach, ist aber noch sehr schlapp. In Leeuwarden wird der Wind stärker - klar, wir drehen ja auch bei und sehen jetzt die sich drehenden Windräder von hinten. Sich schnell (!) drehenden Windräder, meinte ich natürlich. Die Radler rücken zusammen. Wer kann, fährt Windschatten und Belgischen Kreisel (windgeschützte Fahrweise mit ca. 20% Energieeinsparung). Ich habe immer zu viel Angst, so dicht auf den Vordermann zu fahren. Mein Pech ist das Glück derjenigen, die meinen umfangreichen Windschatten zu nutzen wissen. Egal - es ist hart aber schön. Eine Zeit lang fahre ich mit Gino, der sich später an einen schnelleren Trupp hängt und ca. 2 Stunden vor uns anderen ankommen wird. Wir mutmaßen, dass daher auch der Gino d'Italia nach ihm benannt wurde ;-)

Die Böen werden stark bis heftig. Bis zu 60 km/h erreichen sie und es macht kaum einen Unterschied aus, ob einen eine solche Böe oder eine Betonmauer von vorne ereilt. Trotzdem passiert nur sehr wenig. Manche werden einmal durchgeschüttelt. Eine junge Frau liegt am Rand in der Böschung und ist offenbar gestürzt und muss sich erholen. Die Stelle wird von ihren Mitfahrern gut gesichert - man muss sich offenbar nicht mehr um sie kümmern. Keine Gaffer! Auch das klappt hier! Toll!

Station um Station lassen wir hinter uns, treffen uns an jeder Station wieder. Alle sind wohlauf und wir haben nicht eine einzige Panne. Dann kommen wir an die Stelle am Ijsselmeer, an der mir im letzten Jahr das Ritzelpaket vom Hinterrad weggebrochen ist. Es wird mir ein bisschen blümerant - aber die kleine Japanerin hält tapfer durch und die Kette surrt nur so über die Zähne der sich drehenden Ritzel, springt präzise und schnell von einem zum anderen Ritzel und die Schaltung tut auch nach 29 Jahren genau das, was sie soll. Ein tolles Rad, wie ich immer wieder feststellen muss - und wir beiden passen so gut zusammen. Immer wieder höre ich, wie hübsch die kleine doch ist. "Oh, ein Kuwahara-Rahmen!", sagen die Kenner. Ich freu' mich!

Dann kommen wir Bolsward zum dritten Mal am Tag wieder näher. Der Start lag dort, dann fährt man die Tocht in einer großen "8" und kommt wieder durch Bolsward und sie endet auch hier. Wir laufen auf der Zielgeraden ein, die gesäumt ist von Schaulustigen und "Anhängen" der Teilnehmer. Überall große Freude, Blumen, Umarmungen. Hier und da darf ein kleines Kind auf Opas Rad sitzen. Es ist eine unglaubliche Stimmung. Ich bin ein bisschen gerührt und freue mich, dass ich es zum zweiten Mal geschafft habe.

Vor allem, weil ich aus der Tocht wieder einen Spendenmarathon gemacht habe und "Kilometer für Kinder" gesammelt habe. Ich hoffe, dass es wieder 1.200 EUR werden, wie im letzten Jahr. Oder gerne auch mehr.

Jetzt geht es nur noch ins Finisher-Zelt und die Medaille abholen. Sie wird sofort ans Trikot geheftet. Ich bin glücklich!

 

Fast vergessen: Die unzähligen Menschen an den Straßen, in den Städten und Dörfern, die einem zujubeln und La-Ola-Wellen machen, laut hupen, Glocken erklingen lassen, Musik machen (selbst und aus der Konserve) sind natürlich eine nicht zu unterschätzende Hilfe für eine solche Tour. Die Kinder wollen "High-Five" abgeklatscht werden und manche stehen am Rand und verteilen kleine Zettelchen, die man während der Fahrt einsammeln darf. Ich habe solch einen Zettel ergattert und darauf heißt es schlicht: "Kom op!" - "Mach schon!". Vielen Dank an die kleine junge Dame für diesen lieben Wunsch und die nette Geste!

Die nackten Zahlen:

Strecke: 235 km

Teilnehmer: 15.000

Wind: 4 Bft - Böen bis 60 km/h

Spaß: Ohne Ende!

 

Medaille2017

 

 

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