F11ST

Meine Startzeit ist 5.32 Uhr, aber bereits beim Start sind so viele tausende Radler in Bolsward, dass die ganze Stadt vollgestopft ist mit Radfahrern. Von uralten Einfachrädern bis hin zu sündhaft teuren Carbonrädern ist alles am Start. Auch die Leute sind so unterschiedlich, wie Leute halt sind. Hier geben sich die edelsten Marken der Rad-Couture ebenso die Ehre, wie lustige Verkleidungen und natürlich tragen einige Friesen auch Klompen auf dem Rad! Und das auf so einer Strecke!

Nishiki

 

Die Stimmung ist grandios. Trotzdem Tausende warten, gibt es kein Gemaule, Geschiebe und Gemeckere. Überwältigend.

 

Bolsward

 

Dann geht es schließlich "op pad" (auf den Weg) und die Truppe, bestehend aus Jennifer, Alf, Andi, Jens und Daniel macht sich auf den Weg. Bis man aus der Stadt heraus ist, kann man kaum fahren - es ist eher eine Wanderung mit ganz kleinen Schritten. Dann geht es auf den Sattel und los. Schon nach den ersten paar hundert Meter flicken die ersten Reifen oder schrauben an den Rädern herum. Bei 10 km macht Daniels Vorderrad mit dem Heck eines anderen Rades Bekanntschaft und mit einem akrobatischen Sprung rettet sich Daniel auf den Grünstreifen. Alle anderen können das liegen gelassene Rad passieren - nichts ernsthaftes ist also passiert. Zum Glück.

Es läuft gut und die langsameren Radler lassen die zügigeren überholen. Schon hier kann ich sagen, dass bis auf wenige Ausnahmen die Radler sehr sehr gesittet fahren. "Rücksicht" ist hier kein Fremdwort, sondern gehört in den aktiven Sprachschatz der 15.000 Leute, aber auch der Autofahrer (mit einer Ausnahme) und sonstigen Beteiligten. Toll!

Stau

Stau2

Nach einigen Kilometern erreichen wir die erste Stadt. Stempelkarte rausholen. In die Schlange einreihen und zügig stempeln lassen und weiter - das werden wir noch weitere 13 Male machen müssen - wenn wir denn alles schaffen. An den Wartestationen sieht man Deiche, Straßen, Wege und eigentlich alles andere auch nur noch voll mit Fahrradfahrern. Direkt hinter Bolsward rennt ein sichtlich geschwächter Schäferhund in einem umzäunten Vorgarten aufgeregt hin- und her und ist jetzt schon vollkommen heiser. Offenbar hat er sich vorgenommen, jeden, aber auch wirklich jeden Radfahrer zu verbellen. Armer Kerl - das ist der reinste Stress bei 15.000 Fietsern.

Es läuft gut und irgendwann fängt es an zu regnen. Ich ziehe die neu erworbene Regenjacke an und kann es kaum fassen. Nach nur kurzer Zeit hört der Regen auf. Dass die guten Jacken wirklich solche Effekte haben, hätte ich nicht geglaubt! Beim zweiten Mal klappt das genauso gut. Beim dritten Mal Regen hält sie einfach nur dicht, ohne dass man wirklich schwitzt. Auch ohne ein zugekniffenes-Augen-Emoji ist also diese Jacke offenbar ein voller Erfolg. Prima!

Die weit weit überwiegende Zeit ist das Wetter aber schön und sogar etwas sonnig. Nicht warm, aber die Sonne lugt immer wieder hervor. Das kälteste Pfingsten seit 80 Jahren - so hat es der friesische Nachrichtensender gestern noch verkündet. Pech - aber nicht zu ändern!

Truppe

 

Die Organisation ist gut - nein, sie ist sogar sehr gut. Auch als ich eine Zeit lang einen großen Trupp anführe, brauche ich mir um den Weg keine Sorgen zu machen. Alles ist gut markiert oder beschildert. An viele Stellen stehen Ordner oder Polizisten und heute sind Autofahrer hier eindeutig in der Unterzahl, aber auch nachrangige Verkehrsteilnehmer. Geduldig warten sie und man sieht die Fahrer interessiert und häufig auch lächelnd oder daumendrückend in ihren Autos warten. Warum kann das nicht immer so sein.

Weihnachtsfietsers

 

Eine Etappe hat ca. 40 km - meine grün-weiße Japanerin unter mir möchte jetzt mal wirklich Spaß haben und so richtig rennen. Immer wieder ruft sie mir - für andere unhörbar - zu, "Schneller, lass uns Spaß haben!". Ich fahre mit einer Truppe mit gleichen Trikots mit und hänge mich aus deren Windschatten, um der Gruppe auch mal meinen Windschatten zu spenden. Meine Nishiki und ich ziehen an dem Trupp vorbei und sie lässt die Räder immer schneller drehen. Eine Zeit lang geht es mit Tempi von 30-35 km/h durch die schöne Landschaft. Dann will sie halt so richtig Spaß haben und es steht auch mal die 4 vorne. Obwohl ich noch nie irgendwelche Drogen genommen habe, bin ich mir sicher, dass das hier besser ist als Heroin, LSD und Wasweißich zusammen. Als ich an den Trupp vor mir anschließe, drosseln wir wieder - ich habe ja auch noch über 100 km vor mir.

Immer wieder werden wir von Leuten angefeuert, die vor ihren Häusern sitzen, sich zu Nachbarschaftsfesten zusammengetan haben oder in Pavillions mit lauter Beschallung aus dem Event für ihr Dorf ein Straßenfest der besonderen Art machen. Keiner steht auf der Straße, wenn die Radler kommen. Auch hier herrscht gesittete Ordnung und alles ist sicher.

Leider sehen wir einen Unfall mit unbekanntem Ausgang. Ein Mann liegt am Straßenrand, aber einige Radler steht um ihn herum um Gaffer abzuhalten und im Ruhe zu geben. Andere knien bei ihm. Keiner gafft, alle fahren weiter. Überwältigend. Den Krankenwagen hören wir kurze Zeit später. Hoffentlich geht es dem Radler wieder gut!

Die Tour verläuft über eine "acht" startet in Bolsward und verläuft dann erst in einer größeren Runde in Richtung Leeuwarden nach Bolsward zurück und dann in einer kleineren Runde nach südwesten, um schließlich wieder in Bolsward zu enden. Auf der Südroute kommen wir an das Ijsselmeer. Der Wind pfeift uns entgegen und bei 170/180 km fällt die Geschwindigkeit hier spürbar ab. Einigen sieht man die enormen Strapazen an. Einige sind auch ausgestiegen. Immer wieder sieht man Leute, die ihr Rad abrüsten und die Tour beenden. Es ist immer ein bisschen traurig für uns, diese Leute zu sehen und wir hoffen, dass wir es schaffen. Mit Daniel bin ich wohl der Einzige aus unserer Truppe, die die Tour noch nicht gemacht haben. Jenni haben wir schon früh "verloren" - sie mochte sich mit den wechselnden Tempi in den großen Truppen nicht anfreunden - was ich gut verstehen kann. Hoffentlich ist sie fit und es geht ihr gut. Immer wieder sind unsere Gedanken bei ihr - obwohl sie erfahrene Tourenfahrerin ist und die heute für sie ein "Kindergeburtstag" sein müsste.

180, 190, 195 km. Bei 199 km rasselt es bei meiner kleinen Stahlrennerin hinten. Ich halte an und sehe das, was man als "worst case" bezeichnen kann. Das gesamte Ritzelpaket hat sich von der Hinterachse gelöst. Es ist also kein Zahnrad mehr am Hinterrad, sondern das Zahnradpaket wackelt dort nur noch herum. Rad ausbauen und ich sehe mir mit Alf die Katastrophe an: Kompletter Bruch des Lagers. Ich halte Zahnräder in der Hand, die nur noch Schrottwert besitzen. Das war es. Die anderen drei sind kurz danach da. Andi bemerkt noch, dass er da wohl mit den Kabelbindern auch nicht weiterhelfen kann. Ich muss gegen die Tränen kämpen - es lief so gut und es hätte eine so große Freude für mich bedeutet, am Ende die vollständig gefüllte Stempelkarte abgeben zu können.

Der Servicewagen kommt kurz darauf. Ich halte ihn an. Der Mechaniker sagt nur "Shit" und ich erwidere "Dat klopt wel!" Er überlegt kurz, aber einen 6er-Schraubkranz hat er weder auf dem Wagen noch im Laden. Ich hätte ihn bei ihm kaufen können - den Einbau machen die Servicetechniker der örtlichen Fahrradläden kostenlos zur Elfstedentocht. 199 km "achter de rug" - also hinter mir. Ich bin noch immer fit genug und sicher, auch die letzten 36 km noch bewältigen zu können und dann so etwas. Außerdem hatte ich doch eine Spendenfahrt für den Kinderschutzbund in Duisburg aus der Tour gemacht und ein paar Spender haben versprochen, aufzustocken, wenn ich alles schaffe. Es ist schade - und das ist der reinste Euphemismus!

Merida

Dann fragt der Servicetechniker mich, ob ich ein Ersatzrad haben möchte. Hat er chinesisch geredet oder habe ich das nur geträumt oder war die Frage echt? Der einzige Service der ein Mietrad bietet und den habe ich erwischt? Die Tränen wollen jetzt wirklich raus und ich muss mich sehr bemühen, sie zurückzuhalten. Schnell baut er meine Pedale an das Ersatzrad, ich zahle 20 EUR Miete - und eine Hand voll Dollar als Trinkgeld. (Kleine Erläuterung für alle, die sich jetzt fragen, warum das Mietrad keine Pedale besitzt: Bei der Tour fahren die meisten Leute mit Click-Pedalen. Da es verschiedene Systeme gibt, hat das Mietrad keine Pedale und man baut sie bei Bedarf vom Rad des Eigners ab.) Dann fahre ich mit einem nagelneuen Merida weiter. Meine Stahlrennerin fährt im "Krankenwagen" ins Elfstedentocht-Haus und ich kann sie später dort wieder abholen.

Das Merida ist zu groß, der Sattel zu hoch, der Vorbau zu lang - wir passen nicht zusammen. Es fährt aber trotzdem und für die letzten 36 km werden wir es miteinander aushalten wollen. Meine 1988er-Unterrohr-Schalthebel mit Index waren mir vertraut. Das Merida hat STI-Schalter, bei denen man die Bremshebel verschiebt, um damit die Gänge zu schalten. Ich muss mich erst daran gewöhnen, mit der Bremse zu schalten. Naja, das System ist ja sehr gut, muss ich zugeben, aber mir halt nicht vertraut. Hindelopen, Workum und dann noch nach Bolswad zurück. Mein Becken wackelt bei jeder Kurbelumdrehung, der Sattel und der Part meines Körpers, der dem Sattel am nächsten ist, verstehen sich nicht sehr gut. Meine Nishiki und ich waren "eins" - das ist hier nur ein Fahrrad. Wenn auch kein schlechtes...

Um 21 Uhr soundsoviel laufen wir in Bolsward ein. Tausende säumen den Weg, der Jubel ist unglaublich und man hat fast das Gefühl, als würde man als König der Niederländer empfangen. Es ist absolut überwältigend, in eine solch gut gelaunte Menschenmenge einzulaufen. Auch hier ist alles gesittet und wenig später haben wir unser Orden in der Hand.

Meine erste RTF (Rad-Touristik-Fahrt) und man kann das sicher auch schon als Brevet bezeichnen. Ich bin überwältigt! Es war einfach nur toll!

 DreiSieger

 Orden

 Mein Dank gehört den Veranstaltern, der netten Gruppe, mit der ich fahren durfte und für den Kinderschutzbund Ortsverband Duisburg e. V. natürlich allen denjenigen, die diese Tour mit Spenden begleitet haben!

 

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