Meppen

 

Um kurz nach sieben verlasse ich das Haus. Auf dem Rücken der Rucksack mit der Trinkblase darin, etwas Werkzeug, zwei Schläuchen, Energieriegeln an der rechten Hand das alte Nishiki Olympic 12, das ich mir 1988 von der Abfindung der Bundeswehr beim Rose in Bocholt gekauft habe.

Es hat vorne und hinten neue Felgen, Speichen und Speichennippel bekommen und neue Reifen und Schläuche. Außerdem habe ich in vier neue Bremsbeläge investiert - das sollte für die Sicherheit genügen. Die Kette habe ich wieder gangbar gemacht, sie schnurrt nur so vor sich hin, wenn die Pedale bewegt werden.

Heute will ich nach Meppen fahren. Niedersachsen ist also das Ziel aber zwischendurch geht es noch nach Twente in den Niederlanden. Auf dem Oberrohr sitzt die neue Tasche, darin eine Powerbank zum Füttern des Handyakkus und eben das damit verbundene Handy mit der Navigationssoftware.

Ich bin gespannt, was mir Tag so bringen wird und ob ich die für mich noch ungewohnte Haltung auf dem alten Racer über die gesamte Strecke durchhalten werde. Immerhin werden es ca. 180 km sein.

Die neuen Reifen surren über den neuen Asphalt der Schulstraße und es geht ab ins Binseimer Feld. Kurze Zeit später bin ich an der Fähre Orsoy-Walsum. Eine erste Zwangspause nach 3% der Strecke.

IMG 1133

Fährmann hol über!

IMG 1134

Ich fahre weiter durch Walsum und Dinslaken in Richtung Hünxe. Von dort geht es weiter in Orte, deren Namen man entweder noch nie gehört hat oder die man nie zuordnen konnte. Die meisten davon habe ich schon wieder vergessen. Aber es sind auch ein paar ganz nette Orte dabei.

Neugierig bin ich, ob die neue App auf dem Telefon funktioniert. Bisher ist der erste Eindruck gut und alles funktioniert. Bei Dinslaken ist der Akku das erste Mal leer. Macht nix, ich habe ja die Powerbank und schließe sie an und alle funktioniert prima.

Bei Rhade angekommen mache ich die erste kleine Pause. Ca. 50 km liegen hinter mir. Zeit für einen Müsliriegel und etwas Wasser. Nur kurz ist die kleine Rast und es geht weiter, nicht ohne meiner kleinen Japanerin noch ein kleines Bild abzutrotzen.

IMG 1135

Es geht weiter und ich fahre über Schermbeck, an Rhade vorbei und auch in Heiden nur vorbei. Überall ist Gegend. Viel Gegend. Die Wege sind gut. Außer einem kleinen Stück in Dinslaken ist alle asphaltiert. Das ist wohl der Fall, weil ich der App mitgeteilt habe, dass ich mit dem Rennrad unterwegs bin.

Bis hinter Dinslaken war das übrigens nicht besonders überzeugend, was das Tempo angeht. Zu viele Ampel, Kreuzungen, Stadtverkehr, Berufsverkehr, Schüler in Massen. So kommt man erst einmal kaum von der Stelle. Jetzt geht es besser und ich muss mich immer mal wieder etwas einbremsen. Weil ich nicht weiß, welches Tempo ich auf der Strecke schaffe, will ich die 30 km/h nur wenig überschreiten. Dann sehe ich auf den Tacho und es stehen mal wieder 35 km/h auf der Uhr - einmal lief es sehr gut. Da waren es auch 45 km/h. Sehr viel für mich, aber die kleine grün-weiße Japanerin unter mir will einfach weiter und weiter und weiter.

In Velen mache ich ein Foto vom Schloss, fahre aber direkt weiter. Keine Pause also.

IMG 1136

Dann geht es in Richtung Gescher. Hier war ich schon einmal auf meiner allerersten mehrtägigen Radtour in den Herbstferien - war es 1982 oder 1983? - Ich weiß es nicht mehr so genau. Und ehrlich gesagt, kann ich mich an Gescher auch nicht mehr so richtig erinnern.

Hinter Gescher kommen mir zwischen den Feldern jede Menge ältere Herren auf Rädern entgegen.

Es wird nett gegrüßt, so wie hier alle ein wenig freundlicher scheinen, als das bei uns im Pott so der Fall ist. Daist man halt ein bisschen botter, aber das ist ja auch nicht immer böse gemeint.

Die Grün-Weiße und ich gönnen und eine weitere kleine Pause. Sie liegt im Gras und ich nasche einen weiteren Riegel und ein bisschen Studentenfutter. Ob ich das überhaupt noch essen darf - ich bin ja kein Student mehr? Gibt es auch Dozentenfutter? Ich bin überfragt. Die Halbgaren würden jetzt googeln - mir ist das egal und ich beschließe, dass ich als emeritierter Student auch Studentenfutter futtern darf.

IMG 1138

Dann geht es weiter in Richtung Gronau und ehe ich es wirklich gemerkt habe, bin ich von einer parlamentarischen Demokratie in ein Gebiet eines jungen Monarchen gefahren. Kein Schild, keine Grenze. Nix. Nur auf einmal sehen die Häuser anders aus, die Straßen sind etwas anders und wenn man dann auf die Straßenschilder schaut, findet man die Sprache, die sich im 15. Jahrhundert vom damaligen Deutsch abgesondert hat.

Es gibt noch etwas, an dem man merkt, dass man in den Niederlanden ist: Die Autos machen den Radfahrern Platz. Man hält sein Auto an, nur weil ein Radfahrer kommt. Hier ist man plötzlich nicht mehr Mensch zweiter oder dritter Klasse. Klasse!

Glanerbrug, Losser und dann durch ganz viel Pampa nach Noord-Deurningen. Alles keine Weltstädte, aber Twente bietet viel für’s Auge.

Dann ist man plötzlich wieder in Deutschland - genauer gesagt in Nordhorn. Nett ist es hier und da ich niemanden finde, der mir eine Tomatensuppe kochen möchte, die mir auf der letzten Tour durch die Niederlande im letzten Frühjahr so gut getan hat, nehme ich ein paar Spaghetti. Denn hier kann ich das Rad direkt an „meinen“ Tisch anlehnen und bei meinen scharfen Blicken auf die Stahlschönheit wird es niemand wagen, auch nur daran zu denken, auch einmal mit diesem Rad zu fahren.

Ehrlich gesagt war es im Bereich der ausgehenden Niederlande so, dass mir der Nacken schon deutlich zu erkennen gegeben hat, dass die Haltung für mich ungewohnt ist. Arme und Schultern sind unproblematisch und auch den Sattel spüre ich fast gar nicht. Der ist einfach nur toll. Nur der noch hinten bzw. aufgrund des nach vorn gebeugten Oberkörpers nach oben gereckte Kopf lässt die Nackenmuskulatur etwas murren.

IMG 1139

Eigentlich ist das ja wahrscheinlich ein Geheimnis, aber ich weiß, dass der Ötzi auferstanden ist und nun kurz vor der Grenze nach Nordhorn auf dem Hollandrad gemütlich fährt und nett grüßt. Wer’s nicht glaubt hat Pech. Ich habe ihn gesehen.

Aber jetzt bin ich ja schon in Nordhorn und die Nudeln sind in mir verschwunden. Kaffee gibt es nicht. Schade. Macht aber nix - ich fahre weiter. Nordhorn ist immer noch nett und dann geht es nach Wietmarschen. Wer ist nur auf so einen Namen gekommen?

Von dort aus ist es dann nicht mehr weit - knapp 20 km. Allerdings will mich das Navi dann kurz vor Toresschluss noch auf einen Acker schicken. Weg kann man das nicht nennen. Ich verzichte und fahre frei Schnaute weiter und kurz vor Meppen bin ich dann wieder auf dem von Naviki vorgeschlagenen Weg. Wie schön - aber jetzt hätte ich es auch so gefunden. Kurze Zeit später rolle ich vor die Tür des Parkhotel Meppen, steige ab und checke ein.

 

184 km in 7h16 min - etwas mehr als 25 km/h im Schnitt bei vielen Ampeln. Ich bin zufrieden. Sehr zufrieden sogar. Die grün-weiße hat zum Schluss ein bisschen gequietscht. Offenbar sind die letzten Tropfen des guten Rohloff-Öls aus der Kette gedrückt und sie verlangt nach neuem Öl. Soll sie haben!

DruckenE-Mail